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TÜV Süd lehnt die Verantwortung für den Tod von über 270 Menschen in Brasilien ab

2019 brach in Brasilien der Damm eines Rückhaltebeckens der Eisenerzmine Córrego do Feijᾶo. In einer Giftschlammlawine kamen mehr als 270 Menschen ums Leben. Nur kurze Zeit vorher bescheinigte der TÜV Süd aus Deutschland die Stabilität des Dammes. Nun steht der TÜV Süd vor Gericht. Bagger und Bauarbeiter schaufeln noch immer den giftigen Schlamm weg. Wenn Carmen Sandra Barbosa de Paula auf die Szene blickt, sieht sie eine klaffende Wunde, die nicht aufhört zu schmerzen: "Kriegsszenen" seien die Bilder, die sie mit jenem Tag verbinde.

"Verzweifelte Menschen, Hubschrauber, die Leichen abtransportierten, Sirenen und Krankenwagen." er eingefallene Schultern, steht auf einem Hügel und blickt auf die schlammige Schneise. Um 12.28 Uhr im Januar 2019 brach der Damm und verschluckt alles um sich herum. Keine Sirene, kein Alarmsignal warnte die Arbeiter, die zu dieser Zeit Mittagspause machten. Die toxische Lawine wälzte über die Kantine und die Bürogebäude des Minenbetreibers Vale hinweg, umgeben von einer rotbraunen Staubwolke. Sie riss Hütten, Tiere, Hütten und Brücken mit sich, verseuchte den Fluss und damit das Trinkwasser Tausender Menschen. Es war die größte Bergbau-Katastrophe Brasiliens, mit mindestens 272 Toten. Darunter sechs Familienangehörige von Carmen Sandra Barbosa, Freunde, Nachbarn, Kollegen. "Wir vermissen sie jeden Tag", sagt sie. Was bleibt sind Fotos von strahlenden Menschen auf ihrem Handy und ihr Kampf gegen die Tränen, die Fassungslosigkeit, die Ohnmacht. Es sei kein Unfall gewesen, sagt Carmen Sandra dann bestimmt, sondern ein Verbrechen. Verantwortlich dafür machen sie und andere Angehörige nicht nur den Minenbetreiber, Brasiliens größten Bergbaukonzern Vale, den wichtigsten Lieferanten für Eisenerz weltweit, sondern auch den Münchner Prüfkonzern TÜV Süd. Das brasilianische Tochterunternehmen von TÜV Süd hatte den Damm nur vier Monate vor dem Bruch geprüft und als sicher befunden. Ohne dieses Stabilitätszertifikat hätte der Betrieb in der Mine eingestellt werden müssen. "Es war doch bekannt, dass der Damm Probleme hatte", sagt Carmen Sandra. "Trotz des Risikos ein Gutachten auszustellen, war ein Todesurteil." Aus internen Mails gehe sowohl hervor, dass die Ingenieure von TÜV Süd in Brasilien wussten, dass der Damm die Stabilitätswerte nicht erfüllte, dass sie im engen Austausch mit einem TÜV-Manager aus Deutschland standen - und dass sie Konsequenzen des mächtigen Auftraggebers Vale fürchteten, sollte der Damm nicht zertifiziert werden. Dazu sei nach dem Stabilitätsgutachten des Staudamms ein Vertrag über damals mehr als zwei Millionen Euro abgeschlossen worden für strukturelle Projekte. Der TÜV Süd sieht sich zu Unrecht angeklagt: "Der TÜV Süd ist davon überzeugt, dass ihn keine rechtliche Verantwortung, auch keine Mitverantwortung an diesem schrecklichen Unglück trifft. Damit möchten wir in keiner Weise das Leid der Opfer in Abrede stellen", so TÜV-Süd-Chefjustiziar Florian Stork im Interview mit der ARD in München. Die Prüfung des Damms sei ordnungsgemäß erfolgt, die Stabilitätsanalysen hätten den geltenden brasilianischen Regelungen und technischen Standards entsprochen. Zudem habe der Betreiber Vale seine Haftung anerkannt und auch bereits Entschädigung gezahlt. Zurecht klagen die Stadt Brumadinho und Angehörige auf Entschädigung und Schmerzensgeld vor dem Landgericht München gegen den TÜV Süd. „Ein Urteil in Deutschland würde endlich Gerechtigkeit bringen", sagt Brumadinhos Bürgermeister Alvimar de Melo Barcelos, der extra nach München gereist ist. "Wir fordern eine gerechte Entschädigung für all die Zerstörung und das vergossene Blut." Der Bergbaukonzern Vale hatte in einem gerichtlichen Vergleich mit dem brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais zwar fast sechs Milliarden Euro Entschädigung zugesagt, doch die Gemeinde Brumadinho habe bisher nur geringfügige Zahlungen erhalten, so der Anwalt der Kläger, Jan Erik Spangenberg. Auch die Opfer hätten bisher keine angemessene Entschädigung erhalten. Zudem mahlen die Mühlen der Justiz in Brasilien langsam, daher die Entscheidung zur Klage in Deutschland. Die Musterklage könnte zudem eine Klagewelle von mehr als 1000 Geschädigten nach sich ziehen, den Konzern mehrere Millionen kosten. Zunächst wird es in München aber wohl um Verfahrensfragen gehen. So ist noch umstritten, nach welcher Rechtsordnung überhaupt verhandelt werden soll. Der TÜV Süd muss zur Verantwortung gezogen werden und die Opfer, ihre Familien und die Gemeinde Brumadinho müssen sowohl von Vale als auch dem TÜV Süd entschädigt werden.